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Du willst Frieden? Dann hör auf, recht haben zu wollen

Autorenbild: Eleonora Hammer
Eleonora Hammer
14. Juni
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Juni

Es gibt diese Momente im Leben, in denen sich etwas in uns so stark an eine Meinung klammert, dass sie sich nicht mehr wie eine einfache Sichtweise anfühlt, sondern wie eine Wahrheit, die verteidigt werden muss. Dann entsteht innerlich dieser stille, aber bestimmte Satz: Ich habe recht. Ich weiss es besser.


Und oft geschieht das nicht laut oder dramatisch, sondern ganz subtil, fast selbstverständlich, wie ein inneres Zusammenziehen, ein leises Festhalten an etwas, das sich vertraut anfühlt und gleichzeitig Sicherheit gibt.


Wenn wir genauer hinspüren, merken wir jedoch, dass es in solchen Momenten selten nur um eine Meinung geht. Es ist etwas Tieferes am Werk, etwas, das sich schützen möchte, das sich beweisen möchte, das nicht in Frage gestellt werden will. Etwas, das wir als Ego bezeichnen können.



Dieses Ego ist nicht falsch und nicht zu bekämpfen. Es ist ein Teil unseres Menschseins, ein Teil, der sich über Identität formt, über Erfahrungen, über die Geschichten, die wir über uns selbst gelernt haben und die wir irgendwann begonnen haben, für wahr zu halten.

Und diese Geschichten entstehen nicht im luftleeren Raum.


Schon als Kinder wachsen wir in ein Feld hinein, das uns prägt, lange bevor wir es bewusst einordnen können. Wir beobachten, wie Erwachsene miteinander sprechen, wie sie reagieren, wie sie urteilen, wie sie sich durchsetzen oder zurücknehmen. Wir nehmen nicht nur Worte auf, sondern auch Haltungen, Überzeugungen, Bewertungen darüber, wie die Welt zu sein hat und wie man darin zu sein hat.


So wird vieles weitergegeben, oft ohne bewusste Prüfung, einfach weil es schon immer so war, weil es vertraut ist, weil es Sicherheit gibt. Von Generation zu Generation entstehen auf diese Weise innere Muster, die selten hinterfragt werden, weil sie sich wie Wahrheit anfühlen, obwohl sie in Wirklichkeit oft nur Wiederholung sind.


Und genau in diesen Mustern wächst das Ego heran. Es lernt, sich zu behaupten, es lernt, recht zu haben, es lernt, sich abzugrenzen, um sich sicher zu fühlen. Es beginnt, die eigene Sichtweise nicht nur als eine Möglichkeit unter vielen zu sehen, sondern als etwas, das verteidigt werden muss.

Doch vielleicht gibt es manchmal diesen leisen Moment, in dem etwas in uns innehält und sich fragt, ob das alles noch wirklich stimmig ist oder ob wir einfach weitertragen, was wir übernommen haben, ohne es je bewusst gewählt zu haben.

Und genau dort beginnt Entwicklung.


Nicht im schnellen Verändern, sondern im ehrlichen Hinschauen. Im langsamen Erkennen dessen, was uns geprägt hat, und im mutigen Prüfen, was davon noch lebendig ist und was vielleicht nur noch Gewohnheit ist.


Denn in Wahrheit entsteht Freiheit nicht dadurch, dass wir mehr wissen, sondern dadurch, dass wir bereit werden, weniger automatisch zu glauben.

Und manchmal zeigt sich dieser innere Prozess auf ganz unerwartete Weise im Alltag, mitten in einer ganz gewöhnlichen Situation.


Vor einiger Zeit klingelte es an meiner Tür.

Zwei Frauen standen davor, ruhig und klar, mit einer freundlichen Präsenz, und reichten mir einen Zettel mit der Botschaft, dass Gott uns alle befreien wird. Sie kamen aus einem christlichen Glaubenskontext und brachten ihre Sichtweise in die Welt, so wie sie sie verstehen und leben.

In mir hätte sich früher in solchen Momenten sofort etwas aufgerichtet. Ein inneres Reagieren, vielleicht sogar ein innerer Widerstand. Ich hätte begonnen, meine eigene Sichtweise innerlich zu verteidigen, hätte Argumente gesucht, Vergleiche gezogen, hätte auf all das verwiesen, was ich kritisch sehe, und wäre vermutlich in einen unsichtbaren Kampf gegangen, in dem es darum geht, wer recht hat und wer nicht.


Doch diesmal war etwas anders.

Ich habe gespürt, wie sich zwischen Reiz und Reaktion ein kleiner Raum geöffnet hat, ein Moment des Innehaltens, in dem nicht sofort eine Antwort entstehen musste. Und in diesem Raum konnte ich sie wirklich sehen, nicht als Gegenüber, das überzeugt werden muss, sondern als zwei Menschen mit einer eigenen Überzeugung, mit einer eigenen Wahrheit, mit einer eigenen Absicht, etwas Gutes in die Welt zu bringen, so wie sie es verstehen.


Wir sind tatsächlich ins Gespräch gekommen, ganz natürlich und ohne dieses unterschwellige Bedürfnis, die andere Seite zu verändern. Und in diesem Gespräch war Raum für unterschiedliche Sichtweisen. Wir haben über das Weltgeschehen gesprochen, über Kriege, über Leid, über Hoffnung, über das, was Menschen trennt und vielleicht auch verbindet.

Und das Erstaunliche für mich war nicht, dass wir übereinstimmten, sondern dass wir es nicht mussten.

Es war kein Kampf um Wahrheit, kein Ringen um Überlegenheit, kein Bedürfnis, die eigene Sicht als richtiger darzustellen als die andere. Jede Perspektive durfte da sein, ohne dass sie die andere ausschliessen musste.


Und während dieses Gespräch sich entfaltete, wurde mir etwas sehr Wesentliches bewusst. Wie viel Energie wir verlieren, wenn wir andere bewerten müssen, wenn wir unsere eigene Meinung als höher oder richtiger einstufen und uns dadurch innerlich von anderen trennen. Und wie sehr genau diese Trennung im Kleinen das widerspiegelt, was im Grossen geschieht, wenn Menschen beginnen, sich gegenseitig nicht mehr wirklich zu hören.


Denn ein grosser Teil von Konflikten, auch auf globaler Ebene, entsteht genau dort, wo das Bedürfnis entsteht, recht zu haben, die eigene Sicht durchzusetzen und die andere als falsch zu markieren. Wenn sich dieses Muster vergrössert, wird aus innerer Abgrenzung äussere Trennung, und aus Trennung entsteht Spannung, und aus Spannung entsteht oft Streit, und im schlimmsten Fall sogar Gewalt und Krieg.


Und vielleicht beginnt Frieden deshalb nicht erst in politischen Strukturen, sondern viel früher und viel unscheinbarer, in jedem einzelnen Moment, in dem wir uns entscheiden, nicht sofort zu bewerten, nicht sofort zu kämpfen, nicht sofort recht haben zu müssen.


Als die beiden Frauen gegangen sind, blieb kein Gedanke des Gewinnenmüssens, keine innere Nachwirkung eines Konflikts, sondern eher etwas Weiches, Weites, fast Friedliches. Ein Gefühl, dass Begegnung möglich ist, ohne dass Gleichheit notwendig ist.

Und vielleicht ist genau das der Anfang von etwas, das wir so oft suchen, aber selten in dieser Einfachheit erkennen. Nicht darin, dass alle dieselbe Wahrheit teilen müssen, sondern darin, dass wir aufhören, unsere Wahrheit über die der anderen zu stellen, und beginnen, Raum zu lassen für das Menschsein in all seinen unterschiedlichen Ausdrucksformen.

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