Ich sagte mir: „Ich habe doch schon genug.“ Wenige Schritte später lag sie da.
Ich weiss noch genau, wie ich an diesem Tag durch den Wald gelaufen bin.
Es war einer dieser grauen, nassen Tage, an denen der Himmel tief über den Bäumen hängt und eigentlich alles danach aussieht, als würde man sich am besten mit einer Tasse Tee auf dem Sofa verkriechen. Und vielleicht war genau deshalb der Wald an diesem Tag der richtige Ort für mich, denn sobald ich zwischen den Bäumen unterwegs bin, passiert etwas mit mir, das ich schwer erklären kann. Die Gedanken werden langsamer, mein Blick wird weiter und ich komme wieder ein Stück näher bei mir an.
Dabei war mein Kopf an diesem Tag alles andere als leer.

Ich hatte so viele Ideen im Kopf, so viele Dinge, die gerade in meinem Leben entstehen möchten, und während ich über all das nachdachte, musste ich immer wieder lächeln, weil ich dieses Gefühl so liebe, wenn man innerlich schon spürt, dass etwas Neues in Bewegung ist, obwohl man noch gar nicht genau weiss, wie es am Ende aussehen wird.
Und dann dachte ich an die Federn.
In den vergangenen Wochen waren mir immer wieder welche begegnet, manchmal an den ungewöhnlichsten Orten und oft genau dann, wenn ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte. Ich hatte bereits einige gesammelt, weil ich schon länger die Idee hatte, sie in meine kreativen Arbeiten einfliessen zu lassen.
Während ich also so vor mich hin lief, dachte ich: Vielleicht finde ich heute ja wieder eine.
Und dann sah ich den Himmel, den Regen, den nassen Waldboden und all die dunklen Blätter um mich herum.
Wahrscheinlich nicht heute, dachte ich.
Und gleich danach kam dieser zweite Gedanke, den ich erst im Nachhinein so interessant fand:
Aber eigentlich habe ich ja sowieso schon genug.
Ich lief weiter.
Keine fünf Minuten später lag sie da.
Mitten auf meinem Weg.
Eine Feder.
Und nicht irgendeine, sondern eine dieser wunderschönen, vollkommenen Federn, bei denen man sich fragt, wie etwas so Zartes und Feines einfach irgendwo im Wald liegen kann, ohne beschädigt oder vom Regen zerzaust worden zu sein.
Ich blieb stehen und musste lachen.
Es war wirklich dieser Moment, in dem ich dachte: Das kann jetzt nicht dein Ernst sein.
Gerade hatte ich mir selbst noch gesagt, dass ich wahrscheinlich keine finden würde und dass ich ohnehin schon genug hätte, und wenige Schritte später lag genau das vor mir, wonach ich zuvor noch Ausschau gehalten hatte.
Ich hob sie auf, betrachtete sie eine Weile und hielt sie ganz vorsichtig in meiner Hand.
Und natürlich weiss ich, dass man darüber denken kann, was man möchte. Vielleicht war sie einfach dort gelegen. Vielleicht hatte der Wind sie genau in diesem Moment dorthin geweht. Vielleicht war es Zufall.
Aber darum ging es für mich in diesem Augenblick gar nicht.
Denn plötzlich wurde mir etwas bewusst, das weit über diese eine Feder hinausging.
Wie oft machen wir es eigentlich genauso?
Wir wünschen uns etwas, suchen danach, hoffen darauf und richten unseren Blick so sehr auf das, was noch nicht da ist, dass wir dabei fast automatisch in das Gefühl rutschen, dass uns etwas fehlt.
Ich kenne das selbst sehr gut.
Da ist dieser eine Wunsch, den man schon so lange in sich trägt, und irgendwann beginnt man, ihn ständig zu überprüfen. Ist er schon auf dem Weg? Warum passiert noch nichts? Mache ich etwas falsch? Muss ich noch mehr dafür tun? Noch geduldiger sein? Noch klarer werden? Noch mehr geben?
Und manchmal merken wir gar nicht, wie viel Druck wir dabei auf etwas legen, das eigentlich aus Leichtigkeit entstehen dürfte.
Auch bei mir war es in diesem kleinen Moment mit der Feder genau so.
Ich hatte mir gerade noch vorgestellt, dass ich heute wahrscheinlich keine finden würde, obwohl ich doch bereits einige hatte. Und gleichzeitig war da diese unterschwellige Vorstellung, dass ich vielleicht trotzdem noch eine brauchen könnte.
Als würde es nicht reichen.
Als müsste noch etwas dazukommen.
Als wäre das, was bereits vorhanden ist, erst dann wirklich genug, wenn noch ein kleines bisschen mehr dazugekommen ist.
Und genau da beginnt für mich dieses spannende Thema mit dem Mangel.
Denn Mangel sieht nicht immer dramatisch aus.
Manchmal klingt er ganz harmlos.
Manchmal sagt er einfach: Das wäre noch schön.
Oder: Wenn das erst noch da wäre, dann wäre es leichter.
Oder: Eigentlich ist ja alles gut, aber …
Und dieses „aber“ kennen wir wahrscheinlich alle.
Wir haben vielleicht Menschen um uns, die uns lieben, und trotzdem wünschen wir uns manchmal noch mehr Nähe oder diese eine ganz bestimmte Person, die uns endlich vollkommen verstehen soll. Wir sind vielleicht beruflich längst viel weiter, als wir es uns vor einigen Jahren hätten vorstellen können, und trotzdem schauen wir schon wieder auf das nächste Ziel, weil irgendwo in uns die Vorstellung lebt, dass wir uns erst dann wirklich angekommen fühlen werden. Wir haben vielleicht ein Zuhause, einen vollen Kühlschrank, ein Bett, in das wir uns abends legen können, und einen Körper, der uns zuverlässig durch unseren Alltag trägt, und trotzdem kann unser Kopf uns innerhalb weniger Minuten davon überzeugen, dass irgendetwas nicht stimmt.
Das Verrückte daran ist, dass sich dieses Gefühl von „Es fehlt noch etwas“ ständig verschieben kann.
Erreichen wir das eine, kommt das nächste.
Bekommen wir die Antwort, taucht die nächste Frage auf.
Erfüllt sich ein Wunsch, gewöhnt sich unser Herz daran und schaut schon wieder weiter.
Und so können wir ein Leben lang unterwegs sein, ohne wirklich zu bemerken, dass wir längst mittendrin sind.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir etwas verändern dürfen.
Nicht indem wir aufhören zu wünschen.
Nicht indem wir uns einreden, dass wir nichts mehr brauchen.
Und schon gar nicht indem wir unsere Sehnsüchte klein reden.
Denn wenn ich glaube, dass mir etwas fehlt, beginne ich automatisch, danach zu greifen. Ich halte Ausschau, kontrolliere, vergleiche, hinterfrage und versuche vielleicht sogar, das Leben ein wenig in die Richtung zu schieben, in die ich es gerne hätte.
Wenn ich dagegen spüre, dass mein Leben bereits reich ist und dass das, was zu mir gehört, seinen Weg zu mir finden darf, verändert sich etwas in mir.
Ich werde ruhiger und ich werde empfänglicher.
Und plötzlich muss ich nicht mehr alles sehen, bevor ich vertrauen kann.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum uns manche Dinge genau dann begegnen, wenn wir aufgehört haben, sie zu erzwingen.
Nicht, weil das Universum eine Art Bestellservice wäre, bei dem wir nur die richtige Bestellung aufgeben müssen.
Sondern weil wir in dem Moment, in dem wir aufhören, aus dem Gefühl des Mangels heraus zu leben, wieder anfangen wahrzunehmen, was ohnehin schon um uns herum geschieht.
Und vielleicht war genau das mein kleines Geschenk an diesem grauen Tag im Wald.
Nicht die Feder selbst.
Sondern die Erinnerung daran, dass ich nicht ständig mehr brauchen muss, um mich getragen zu fühlen.
Gerade jetzt, wo die Tage wieder ruhiger werden und wir vielleicht merken, dass unsere Energie nicht mehr dieselbe ist wie mitten im Sommer, finde ich diesen Gedanken besonders schön.
Wir müssen nicht jeden Tag gleich viel leisten.
Wir müssen nicht immer voller Tatendrang sein.
Wir müssen nicht aus jeder Phase unseres Lebens das Maximum herausholen.
Die Natur macht es uns schliesslich vor. Kein Baum steht im Herbst da und versucht verzweifelt, seine Blätter festzuhalten, weil er glaubt, ohne sie nicht vollständig zu sein. Er lässt sie gehen, weil er darauf vertraut, dass seine Zeit des Rückzugs genauso dazugehört wie die Zeit des Aufblühens.
Vielleicht darf morgens die erste Tasse Kaffee oder Tee nicht einfach nur der Startschuss für den nächsten hektischen Tag sein, sondern ein kleiner Moment, in dem wir uns selbst wieder spüren.
Vielleicht darf der Weg zur Arbeit mehr sein als eine Strecke, die wir möglichst effizient hinter uns bringen müssen, sondern eine Zeit, in der wir Musik hören, die etwas in uns bewegt, oder einfach aus dem Fenster schauen und für ein paar Minuten nichts lösen müssen.
Vielleicht dürfen wir sogar die ganz gewöhnlichen Dinge wieder ein bisschen liebevoller behandeln, indem wir beim Kochen bewusst den Duft der Gewürze wahrnehmen, beim Aufräumen unsere Lieblingsmusik laufen lassen oder bei einem Spaziergang tatsächlich einmal stehen bleiben, wenn etwas unseren Blick einfängt.
Nicht, weil wir daraus gleich ein neues Selbstoptimierungsprojekt machen müssen.
Sondern weil unser Leben aus genau diesen kleinen Augenblicken besteht.
Und wenn du das nächste Mal bemerkst, dass dieser alte Gedanke auftaucht, dass noch etwas fehlt, dann musst du ihn vielleicht gar nicht bekämpfen.
Vielleicht kannst du ihn einfach wahrnehmen.
Und dich fragen:
Ist wirklich etwas nicht da?
Oder habe ich nur gerade vergessen, hinzusehen?
Denn vielleicht wartet die Fülle nicht irgendwo in der Zukunft auf dich.
Vielleicht steckt sie in einem Menschen, den du längst kennst, in einem Traum, den du noch nicht aufgegeben hast, in einem Körper, der dich jeden Tag trägt, oder in diesem einen stillen Moment, in dem du plötzlich merkst, dass du eigentlich gar nichts brauchst, um genau jetzt hier zu sein.
Und vielleicht findest du irgendwann, wenn du nicht mehr suchst, deine ganz persönliche „Feder“ mitten auf deinem Weg.
Vielleicht ist es ein Mensch.
Eine Idee.
Eine Begegnung.
Eine Möglichkeit.
Ein Zeichen, das du ganz anders deutest als früher.
Oder vielleicht einfach dieser eine Moment, in dem du plötzlich erkennst, dass das Leben nie gegen dich gearbeitet hat.
Dass du nicht hinterherlaufen musst.
Dass du nicht erst jemand anderes werden musst.
Und dass „genug“ vielleicht kein Ort ist, den du irgendwann erreichst.
Vielleicht ist „genug“ ein Gefühl, das entsteht, wenn du aufhörst, ständig nach dem zu schauen, was noch fehlt, und beginnst, wirklich zu sehen, was längst da ist.
Ich bin an diesem Tag mit meiner Feder weiter durch den Wald gelaufen.
Und irgendwie fühlte sich der Weg danach ein kleines bisschen anders an.
Nicht weil sich im Aussen etwas verändert hatte.
Sondern weil sich in mir etwas verschoben hatte.
Von Ich brauche noch zu Ich habe bereits.
Von Wann kommt es endlich? zu Ich vertraue darauf, dass es kommt, wenn es soweit ist.
Und von Vielleicht reicht es nicht zu diesem ganz stillen Gefühl:
Vielleicht war es längst genug.



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