Ich dachte lange, ich müsste mich schützen – bis ich verstand, was mich wirklich von meinem Glück fernhielt
In den letzten Jahren ist mir etwas aufgefallen, das sich wie ein roter Faden durch viele Begegnungen gezogen hat. Menschen kommen zu mir, weil sie sich erschöpft fühlen, weil sie das Gefühl haben, festzustecken oder weil sie den Eindruck haben, dass in ihrem Leben etwas nicht stimmt. Und erstaunlich oft führt uns das Gespräch irgendwann zu derselben Frage: Wie kann ich mich schützen?
Schützen vor negativen Energien. Vor Menschen, die einem nichts Gutes wollen. Vor einem Fluch. Vor einem bösen Blick. Vor dunklen Kräften. Vor all den Dingen, die man nicht sehen, aber spüren kann.

Früher habe ich versucht, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Heute interessiert mich eine ganz andere Frage viel mehr. Was geschieht eigentlich mit einem Menschen, wenn er glaubt, dass er sich ständig schützen muss?
Denn wenn ich eines gelernt habe, dann dies: Das Leben fühlt sich unglaublich schwer an, wenn wir permanent auf der Suche nach Gefahren sind.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl. Du wachst morgens auf und irgendetwas fühlt sich nicht richtig an. Eine Nachricht bleibt unbeantwortet. Ein Termin läuft anders als geplant. Jemand begegnet dir auf eine Weise, die dich verletzt. Nichts davon wäre für sich genommen aussergewöhnlich. Solche Dinge passieren uns allen. Doch wenn wir bereits mit der Überzeugung durch die Welt gehen, dass etwas gegen uns arbeitet, beginnen wir diese Ereignisse anders zu betrachten. Plötzlich erscheinen sie nicht mehr als einzelne Erfahrungen, sondern als Beweise.
Beweise dafür, dass etwas nicht stimmt. man vorsichtig sein muss oder, dass man sich noch besser schützen sollte.
Und genau darin liegt etwas, das mich tief berührt, weil ich es bei so vielen Menschen beobachte. Der Wunsch nach Schutz entsteht meist nicht aus Misstrauen. Er entsteht aus Schmerz. Aus Enttäuschung. Aus Erfahrungen, die wehgetan haben. Aus dem verständlichen Wunsch, nie wieder verletzt zu werden.
Wer könnte es einem Menschen verdenken, dass er sich schützen möchte, wenn das Leben ihn bereits so oft verletzt hat?
Und doch habe ich über die Jahre etwas erkannt, das mein eigenes Leben grundlegend verändert hat.
Je mehr ich versucht habe, etwas fernzuhalten, desto mehr Aufmerksamkeit habe ich ihm geschenkt.
Je mehr ich gegen etwas gekämpft habe, desto größer wurde es in meiner Wahrnehmung.
Je mehr ich mich auf das konzentriert habe, was ich nicht erleben wollte, desto weniger Raum blieb für das, was ich eigentlich in mein Leben einladen wollte.
Diese Erkenntnis kam nicht in einem einzigen Moment. Sie entstand langsam. Durch Erfahrungen. Durch Herausforderungen. Durch Zeiten, die alles andere als leicht waren.
Es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich morgens zur Arbeit ging und bereits beim Aufwachen spürte, wie sich alles in mir zusammenzog. Ich fühlte mich nicht wohl in diesem Umfeld. Ich war Situationen ausgesetzt, die mich verletzten. Es gab Tage, an denen ich mich fragte, wie lange ich das noch aushalten würde.
Damals hätte ich meinen Fokus jeden Tag auf all das richten können, was nicht funktionierte. Auf die Menschen, die mir das Leben schwer machten. Auf die Ungerechtigkeiten. Auf die Verletzungen. Und glaub mir, es hätte genügend Gründe dafür gegeben.
Doch tief in mir gab es eine Stimme, die etwas anderes wollte.
Diese Stimme fragte nicht: „Wie werde ich das los?“
Sie fragte: „Wie möchte ich leben?“
Das war ein kleiner Unterschied in den Worten, aber ein gewaltiger Unterschied in meiner inneren Haltung.
Denn plötzlich drehte sich mein Leben nicht mehr um das, was ich vermeiden wollte. Es begann sich um das zu drehen, was ich erschaffen wollte.
Ich begann mir vorzustellen, wie es sich anfühlen würde, in einem Beruf zu arbeiten, der mich erfüllt. Ich stellte mir vor, wie es wäre, morgens mit Freude aufzuwachen. Ich stellte mir vor, wie sich ein Leben anfühlt, das von Leichtigkeit, Sinn und Liebe geprägt ist.
Und gleichzeitig begann ich, dankbarer zu werden für die Dinge, die bereits da waren.
Mit der Zeit begann sich mein Leben zu verändern. Nicht wie durch ein Wunder und nicht von heute auf morgen. Die Veränderungen kamen Schritt für Schritt. Manche davon entstanden durch Entscheidungen, die ich getroffen habe. Andere ergaben sich plötzlich aus Situationen, die ich niemals hätte planen können.
Doch wenn ich heute zurückblicke, dann weiß ich, dass die eigentliche Wandlung lange vor den äusseren Veränderungen begonnen hat. Sie begann in dem Moment, in dem ich aufhörte, mein Leben um meine Ängste herum aufzubauen.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich heute anders auf das Thema Schutz blicke.
Ich möchte niemandem seine Rituale nehmen. Ich möchte niemandem seine Symbole nehmen. Seit Jahrtausenden tragen Menschen Talismane, sprechen Gebete oder verwenden Schutzzeichen. Und oft können solche Dinge Trost, Halt und Vertrauen schenken.
Doch ich glaube nicht mehr, dass wir unser Leben damit verbringen müssen, uns vor allem Möglichen zu schützen.
Denn irgendwann stellte ich mir eine Frage, die alles veränderte:
Wenn ich mein ganzes Leben damit verbringe, mich vor Dunkelheit zu schützen, wann habe ich dann eigentlich noch Zeit, mich dem Licht zuzuwenden?
Wann habe ich Zeit, mich für Liebe zu öffnen?
Für Freude, Verbundenheit und für all die Erfahrungen, die mein Herz eigentlich machen möchte?
Denn je mehr wir versuchen, jede mögliche Gefahr auszuschliessen, desto kleiner wird oft der Raum, in dem wir uns frei bewegen.
Und genau deshalb halte ich einen anderen Gedanken für viel hilfreicher.
Nicht die Frage, wovor du dich schützen musst.
Sondern die Frage, worauf du deinen Fokus richten möchtest.
Möchtest du deine Aufmerksamkeit jeden Tag auf das lenken, was dir Angst macht?
Oder möchtest du sie auf das richten, was wachsen darf?
Für mich begann genau dort die grösste Veränderung.
Und mit ihr kam noch eine weitere Erkenntnis, die vielleicht die wichtigste von allen ist.
Kein Mensch kann die Verantwortung für dein Leben übernehmen.
Und auch keine dunkle Kraft.
In dem Moment, in dem wir die Verantwortung für unser Leben an etwas ausserhalb von uns abgeben, geben wir oft auch unsere eigene Gestaltungskraft aus der Hand.
Wirkliche Veränderung beginnt dort, wo wir bereit sind, diese Verantwortung wieder zu uns zurückzuholen.
Denn Verantwortung bedeutet nicht, dass wir an allem schuld sind, was uns widerfahren ist.
Verantwortung bedeutet, dass wir entscheiden dürfen, wie wir darauf antworten.
Sie bedeutet, dass wir wählen können, worauf wir unseren Blick richten.
Sie bedeutet, dass wir den Mut finden dürfen, Schritt für Schritt das Leben aufzubauen, nach dem wir uns sehnen.
Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis, die ich mit dir teilen kann:
Du musst nicht dein Leben damit verbringen, dich zu schützen.
Vielleicht darfst du beginnen, ihm wieder zu vertrauen.
Vielleicht wartet hinter all den Mauern, die du aus Angst errichtet hast, längst das Leben auf dich, nach dem du dich schon so lange sehnst.



Wieder ein ganz besonderer Beitrag, ich liebe deine Beiträge so sehr. Deine Worte sind nicht einfach nur Worte, man kann sie fühlen ♥️ Dankeschön