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Wie sieht eigentlich eine Schamanin aus?

Autorenbild: Eleonora Hammer
Eleonora Hammer
19. Juli
4 Min. Lesezeit

„Du siehst gar nicht aus wie eine Schamanin.“


Dieser Satz hat mich zunächst zum Schmunzeln gebracht. Nicht, weil ich ihn lächerlich fand. Sondern weil er eine viel grössere Frage in mir ausgelöst hat.


Wie sieht eine Schamanin denn aus?


Muss ich Federn im Haar tragen? Muss ich ausschliesslich Leinengewänder tragen, barfuss durch den Wald laufen und um ein Feuer tanzen? Muss ich aussehen wie das Bild, das viele aus Dokumentationen über indigene Völker kennen, damit man mir glaubt, dass ich schamanisch arbeite?


Oder anders gefragt:


Ab wann wird ein Mensch für andere glaubwürdig?



Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto klarer wurde mir, dass es eigentlich gar nicht um mich geht. Es geht um uns alle.

Denn wir Menschen lieben Schubladen. Sie geben uns Orientierung. Unser Verstand möchte die Welt möglichst schnell einordnen. Wir verbinden Berufe, Fähigkeiten und Persönlichkeiten mit bestimmten Bildern.


Der Arzt trägt einen weissen Kittel.

Die Anwältin ein Kostüm.

Der Lokführer ist ein Mann.

Die Schamanin trägt Federn.


Doch was passiert, wenn jemand nicht in dieses Bild passt?

Dann beginnt das Zweifeln.

Nicht, weil dieser Mensch weniger kann. Sondern weil unser Kopf plötzlich keine passende Schublade mehr findet. Ich kenne dieses Gefühl schon mein ganzes Leben.


Als Jugendliche entwickelte sich mein Körper früher als bei vielen anderen Mädchen. Ich war kurviger, wirkte älter und zog genau die Kleidung an, die damals modern war. An anderen Mädchen sah sie jugendlich aus. An mir wurde sie schnell als provokant oder vulgär bewertet.

Plötzlich wurde ich nicht mehr als das gesehen, was ich war.

Sondern als das, was andere in mir sahen.

Viel ältere Männer sprachen mich an, starrten mich an oder überschritten Grenzen. Nicht, weil ich ihnen diese Einladung gegeben hätte. Sondern weil sie aufgrund meines Aussehens Geschichten über mich erfanden, die mit meiner Wahrheit nichts zu tun hatten.


Später, als ich Lokführerin war, hörte ich immer wieder denselben Satz:

„Du bist viel zu hübsch für diesen Beruf.“

Vielleicht war das nett gemeint. Doch zwischen den Zeilen stand etwas ganz anderes.

Als hätte Kompetenz ein bestimmtes Gesicht. Als dürfte eine Frau, die feminin aussieht, keine tonnenschweren Züge sicher durch die Landschaft bewegen.

Wieder einmal wurde ich auf ein Bild reduziert. Nicht auf mein Können.

Nicht auf meine Verantwortung und nicht auf meine Persönlichkeit.

Nur auf das, was man sah.


Und heute?

Heute begegnet mir derselbe Mechanismus erneut.

Nur trägt er ein anderes Gewand.

„Du siehst gar nicht aus wie eine Schamanin.“

Weisst du, was ich daran so spannend finde?


Viele Menschen würden ohne zu zögern zu einem traditionellen Schamanen in den peruanischen Regenwald reisen. Sie würden kaum nach Zertifikaten fragen.

Nicht nach Ausbildungsnachweisen. Nicht nach Diplomen.

Sie vertrauen.

Warum?

Weil das Bild stimmt.


Zurück in unserer westlichen Welt verändert sich plötzlich alles.

Hier möchten wir Beweise.

Urkunden.

Ausbildungen.

Nachweise.


Doch keines dieser Dinge garantiert, dass ein Mensch mit Liebe arbeitet.

Keines davon garantiert Mitgefühl.

Keines davon garantiert Integrität.

Und genauso wenig garantiert traditionelle Kleidung Weisheit.


Es gibt überall Menschen, die ihre Arbeit mit einem offenen Herzen tun.

Und überall Menschen, die es nicht tun.

Ganz gleich, welche Kleidung sie tragen.


Versteh mich bitte nicht falsch.

Ich liebe Symbole. Ich liebe Federn.

Ich liebe Schmuck mit Bedeutung.

Ich liebe Kleidung, die meine Spiritualität widerspiegelt.

An manchen Tagen fühle ich mich genau danach.

Und an anderen Tagen eben nicht.

Dann trage ich Sneaker oder Jeans.

Oder etwas Elegantes.

Oder ich sehe aus, als käme ich gerade aus einem ganz gewöhnlichen Büro.

Weil ich ein Mensch bin.

Und weil ich mich schon immer geweigert habe, nur eine Version von mir selbst zu sein.


Und genauso gibt es Tage, an denen ich mir Federn ins Haar stecke, meine Haare flechte oder Kleidung trage, die viele als typisch schamanisch oder spirituell empfinden würden. Nicht, weil ich glaube, dass ich so aussehen muss. Nicht, damit andere leichter glauben können, wer ich bin. Sondern einfach, weil ich in diesem Moment Freude daran habe und es sich nach mir anfühlt. Genau darum geht es für mich: Ich möchte frei sein, all diese Seiten zu leben. Mal sichtbar spirituell. Mal ganz schlicht. Mal elegant. Mal wild. Nichts davon macht mich mehr oder weniger zu der Frau, die ich bin. Der Unterschied liegt darin, ob ich es aus meiner eigenen Wahrheit heraus wähle oder weil ich glaube, einem Bild entsprechen zu müssen.


Ich war nie dafür gemacht, in eine Schublade zu passen.

Ich wollte schon als Kind alles entdecken.

Unterschiedliche Musik hören.

Verschiedene Stile ausprobieren.

Mich verändern oder entfalten.

Mich jeden Tag neu fühlen.

Warum sollte ich damit aufhören, nur damit andere leichter einordnen können, wer ich bin?


Aus spiritueller Sicht begegnen wir oft gar nicht dem Menschen vor uns.

Wir begegnen unseren eigenen Vorstellungen.

Unseren Erfahrungen. Unseren Erwartungen.

Unseren Projektionen.


Wenn jemand sagt:

„Du siehst nicht aus wie eine Schamanin.“

Dann erzählt dieser Satz vielleicht viel weniger über mich als über das Bild, das dieser Mensch in sich trägt.


Und vielleicht liegt genau darin die Einladung.

Nicht nur mich anders zu betrachten.

Sondern jeden Menschen.

Wie oft entscheiden wir innerhalb weniger Sekunden über jemanden?

Wie oft glauben wir zu wissen, wer ein Mensch ist, nur weil wir sehen, was er trägt, wie er spricht oder wie er aussieht?

Wie viele wunderbare Begegnungen entgehen uns, weil wir lieber einem Klischee vertrauen als unserem Herzen?


Für mich bedeutet Spiritualität nicht, eine Rolle zu spielen.

Sie bedeutet, immer mehr zu dem Menschen zu werden, der ich wirklich bin.


Unverstellt.

Ehrlich.

Lebendig.

Authentisch.


Ich werde mich nicht verkleiden, damit andere sich mit ihrem Bild von mir wohler fühlen.

Denn wenn ich anfangen würde, eine Maske zu tragen, nur damit man mir glaubt wäre ich dann wirklich authentisch?

Oder würde ich genau das tun, was unsere Gesellschaft ohnehin schon viel zu oft verlangt?


Ich entscheide mich lieber dafür, echt zu sein.

Denn am Ende spielt es keine Rolle, ob ich aussehe wie eine Schamanin, eine Lokführerin, eine Bürokauffrau oder wie gar nichts davon.


Die viel wichtigere Frage ist:

Wie fühlst du dich, wenn du mir begegnest?

Fühlst du dich gesehen?

Fühlst du dich angenommen?

Fühlst du dich sicher?

Fühlst du dich verstanden?

Wenn die Antwort darauf „Ja“ ist, dann ist alles andere nur Fassade.


Denn wahre Begegnung braucht kein Kostüm.

Sie braucht ein offenes Herz.

Und vielleicht dürfen wir alle uns heute diese eine Frage stellen:

Sehen wir den Menschen wirklich oder nur das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben?

 
 
 

2 Kommentare

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Vilma
19. Juli
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

So sehe ich es auch.💛☺️ Sehr schön formuliert, auch besonders die Zusammenfassung am Ende.🤗


Ein Gedanke, den ich gerade noch dazu hatte (geht ein bisschen in ein anderes Thema über):

Um so wie beschrieben in Begegnungen gehen zu können, ist die Voraussetzung, dass man sich selber auch sieht, liebevoll annimmt und so Sicherheit geben kann. M. a. W. Selbstliebe ist nie nur für einen selbst wichtig, sondern befähigt auch im Umgang mit anderen.


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Eleonora Hammer
Eleonora Hammer
19. Juli
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Danke Dir für dein Kommentar ❤️😊

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